Bald.

Bald.

Der Blick aufs Kalenderblatt bestätigt, was schon vermutet, der Oktober ist da. Aber nicht nur der Herbst zieht mit dem Oktober endgültig ins Land, der Oktober wird schon seit vielen Jahren auch als ‘Brustkrebsmonat’ bezeichnet. Es geht darum die öffentliche Wahrnehmung auf das Thema zu lenken und gleichzeitig die Vorbeugung von Brustkrebs zu fördern. Es geht aber auch darum, Gelder für die Erforschung der Krankheit und im weiteren Sinne Heilung zu generieren.
Der heutige Beitrag ist etwas ungewöhnlich, denn ich überlasse das Feld heute mal einer sehr wichtigen Person in meinem Leben: einer meiner längsten und engsten Freundinnen Patricia.

Im Februar dieses Jahres erhielt sie die Diagnose Brustkrebs.
Mit 29.
Und zum zweiten Mal Krebs.
Ich hab sie gebeten ihre Gefühle und Gedanken nieder zu schreiben. Herausgekommen ist ein wahnsinnig ehrlicher und berührender Text einer starken Frau. Einer Frau, die ihren Weg geht, obwohl das Schicksal ihr schon Steine in den Weg gelegt hat. Und die nicht aufgibt und weiter kämpft.
Danke Patty für deine Ehrlichkeit und deinen Mut diesen Text zu teilen.
Ich hab dich unglaublich lieb.

Aber nun übergebe ich das Wort an Patricia:

Bald.

Und plötzlich bleibt alles gleich. Die meisten Betroffenen reden und schreiben immer davon, wie auf einmal die Welt bei ihnen stehen geblieben ist, das Blut schockartig in den Adern gefriert, plötzlich alles nichtig erscheint, der Fokus wieder auf die wichtigen Dinge im Leben fällt, sie sich wieder darauf besinnen, was wirklich zählt. Das würde ich auch gerne sagen können. Aber dem ist nicht so, zumindest nicht in diesem Ausmaß. Auch bei meiner zweiten Krebsdiagnose mit 29 Jahren blieb die Welt nicht stehen. Der, wie von den meisten als Weckruf empfundene Satz „Sie haben Krebs“ kam bei mir als solcher nicht an. Wenn ich genauer darüber nachdenke, weiß ich nicht einmal was wirklich bei mir ankam. Es war wohl eher eine Mischung aus nüchternem Hinnehmen, Gefühlslosigkeit und Überforderung. Und auch die beißende Frage nach dem „Warum“ stellte ich mir nicht. Ich wollte sie mir gar nicht stellen, da ich genau wusste keine befriedigende Antwort von niemandem darauf erhalten zu können. Nie.

Nach meiner Diagnose Schilddrüsenkrebs mit 23 hatte ich nun mit 29 nochmal richtiges Glück. Dieses Mal war es Brustkrebs. Beim ersten Mal Krebs habe ich gespürt, dass etwas nicht stimmt, dass irgendetwas meinen Körper aussaugt. Dass sich diese „Bösartigkeit“ vermutlich schon seit meiner Kindheit im Hals ausbreiten konnte, hat niemand gesehen und so blieb es über Jahre unentdeckt. Nun beim zweiten Mal habe ich den Knoten durch puren Zufall gefühlt und eigentlich war mir sofort klar, dass das nichts „Gutes“ sein kann. Nenne es Intuition oder Hypochondrie – die letzten Jahre haben einfach ihre Spuren hinterlassen. Ich ließ noch einen Monat vergehen, ehe ich zum Arzt gegangen bin, denn vielleicht habe ich mir das ja nur eingebildet. Soll schon mal vorgekommen sein. Aber die schwarze Wolke auf dem Ultraschall war ziemlich eindeutig. Nicht auszumalen was gewesen wäre, hätte ich den Knoten nicht gespürt, wenn er tiefer gelegen wäre und nicht nahe der Oberfläche. Zumal ich mich nie selbst untersucht habe. Glück.

Wann operieren und wie, was kommt weg, was bleibt, was wird ersetzt, wie lange die Chemotherapie, wie viele Bestrahlungen, was, wenn der Gentest positiv ist, was lasse ich mir präventiv entfernen, werde ich meine Haare verlieren, wie sehe ich mit Glatze aus, Kinderwunsch? Die Gedanken, die einem durch den Kopf schießen sind so hässlich wie das Wort „Krebs“ selbst. Und vermutlich kann sie nur jemand nachvollziehen, der sie sich selbst hat stellen müssen. Es macht schon etwas mit einem, wenn man auf den nächsten Arzttermin wartet und für sich entschieden hat, sich die Brüste und Eierstöcke entfernen lassen zu wollen, auf Kinder zu verzichten, um seine eigene Lebenserwartung bestmöglich zu verlängern. Ich habe versucht, mich selbst vor dem Spiegel ohne Haare vorzustellen, aber habe es nicht geschafft. So bescheuert und eitel das auch klingen mag, aber das war für mich zu dem Zeitpunkt mein größtes Problem. Denn ohne Haare ist es für jeden offensichtlich wie krank man ist, wie schwach. Und wenn ich eines tunlichst vermeide, dann zeigen, wie angreifbar ich eigentlich bin. Es scheint so oberflächlich, die meisten würden es wohl als Stolz bezeichnen, aber für mich ist es etwas anderes. Würde.

So sehr mich der Gedanke an den Verlust meiner Haare gequält hat, so groß hätte die Freude darüber sein müssen, dass ich doch keine Chemo brauche und dass der Gentest negativ ist. Wäre der Test positiv ausgefallen hätte das geheißen, dass ich genetisch vorbelastet bin und Krebs in meinen Genen praktisch festgeschrieben steht, ich darauf „programmiert“ bin. Was das über Kurz oder Lang bedeutet hätte – ich wollte es mir gar nicht ausmalen. Die Chemotherapie wurde abgeblasen, da mein Tumor hormonrezeptiv war, d.h. er ernährte sich von weiblichen Hormonen. Die Chemotherapie hätte da nur daran „vorbeigearbeitet“. Aber selbst diese, eigentlich immens wichtigen und positiven Botschaften nahm ich beinahe mit Gleichgültigkeit hin. Ich machte keinen Freudensprung. Es war halt so. Vielleicht war ich emotional einfach überfordert. Ich weiß es nicht. Somit wurde mein Programm von Totalkatastrophe auf Katastrophe abgespeckt. Operation, Bestrahlungen, Hormontherapie. Bis auf die Narben auf meinem Körper ist äußerlich nichts geblieben das darauf hinweisen könnte, dass ich krank war. Und dennoch ist nichts wie vorher. Ich bin weicher, angreifbarer, emotionaler. Mein Körper ist nun ein anderer, er sieht anders aus und er fühlt sich auch anders an. Nebenwirkungen und Schmerzen hinterlassen ihre Spuren. Körperlich. Seelisch.

Früher war immer meine Devise: Aufstehen, Krönchen richten, weitergehen. Aber meine Krone habe ich diesmal definitiv verloren, in den Tiefen meiner Verzweiflung, meines Unverständnisses, meiner Angst, meiner Wut. Ich würde nun gerne schreiben, dass ich jetzt stärker als je zuvor bin, dass ich „froh“ bin, dass ich Krebs hatte, dass ich dadurch so vieles gelernt habe, über mich, über das Leben, mein Leben umgekrempelt habe und ich jetzt alles schaffen kann, was das Leben für mich bereithält. Diese Parolen liest man so oft und es kommt einem fast so vor, als wäre die Kosten-Nutzen-Rechnung von Krebs eine positive. Als müsse man „dankbar“ sein, für dieses „Geschenk“. Für mich geht diese Rechnung noch nicht auf und vielleicht wird sie das auch nie. Denn diese zwei Krankheiten haben vieles zerstört. Die Leichtigkeit und Unbeschwertheit, sie sind weg. Die Ängste und Sorgen, die sich meine Familie und Freunde gemacht haben, die vielen Tränen, auch meine eigenen, ich würde sie gerne ungeschehen machen. Das Vertrauen in meinen Körper, das ich so mühsam wieder aufgebaut habe, das Vertrauen, dass er stark ist und nicht nachgeben wird ist wieder weg. Ich habe Angst, dass ich wieder erkranke, dass mir endgültig die Luft ausgeht, dass ich irgendwann keine Kraft und keine Lust mehr habe. Diese Angst, dass ich wieder erkranke, ist allgegenwärtig. Vermutlich wird sie auch nie wieder vollkommen gehen und ein ständiger Begleiter bleiben. Spätestens bei der nächsten Kontrolle wird sie sich wieder melden, aber sie wird weniger werden. Bestimmt.

Jeder Mensch hat seinen ganz persönlichen Berg im Leben, den man erklimmen und bewältigen muss. Und auch wenn ich noch nicht von mir behaupten kann, erleichtert am Gipfel zu stehen und die Aussicht zu genießen, so bin ich am Weg dorthin. Jeder Schritt, jeder Tag bringt mich näher heran, auch wenn ich manchmal wieder kurz absteigen muss. Wenn ich auf diesem Weg etwas gelernt habe, dann auf meine innere Stimme zu hören. Das mag dazu geführt haben, dass ich egoistischer geworden bin, mehr auf mich achte, mich mehr achte, mich mehr abgrenze von Dingen, die mir Kraft rauben und mehr Dingen Raum gebe, die mir Kraft schenken. Das hat auch dazu geführt, dass ich nicht mein Leben komplett verändern werde, auch wenn dies von außen oft die naheliegendste Konsequenz sein muss. Ich bin mir sicher, dass meine Lebensweise nicht der Grund für den Krebs ist – es ist meine Gedankenwelt (und nicht gerade das beste Immunsystem). Das ist zwar noch viel schwieriger zu verändern als äußere Lebensumstände, aber diese Herausforderung habe ich angenommen. Ich weiß, was mir mein Körper mit diesem Tumor sagen möchte, diese Botschaft ist angekommen und ich bin daran sie zu beantworten. Und ich weiß auch, wenn ich meine Dämonen besiege, wird endlich Ruhe sein. Bis dahin verlasse ich mich auf meinen Willen und auf Menschen, die für mich stark waren, wenn ich es nicht war, die das Rückgrat und den Charakter haben mir beizustehen, komme was wolle. Und mein Krönchen? Ich habe es bereits wiedergefunden, ich halte es in der Hand und irgendwann werde ich es wieder aufsetzen. Bald.

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7 Kommentare

  1. Hanna
    2. Oktober 2018 / 9:01

    Sehr schön geschrieben!

  2. 2. Oktober 2018 / 9:49

    Wahnsinnig berührender und toll geschriebener Text! Danke für so viel Ehrlichkeit!

    Love,
    Kathi

  3. Veri
    2. Oktober 2018 / 11:01

    Es ist nicht leicht hier die richtigen Worte zu finden,.. ehrlich, berührend, beeindruckend, unverblümt und so unfassbar stark.
    Sei stolz auf die Frau, die du warst, bist und sein wirst! Wir haben dich lieb für all das, was und wie du bist!

  4. Lea
    2. Oktober 2018 / 11:24

    Wow… ich hab echt Gänsehaut. Deine Freundin schreibt wahnsinnig gut, knallhart ehrlich und berührt mich gerade zutiefst. Alles Gute deiner Freundin und dir, Sarah, wünsche ich dass du immer genug Kraft und Zeit übrig hast für sie da zu sein.

  5. Brigitte
    3. Oktober 2018 / 8:31

    Danke Patty für diesen so ehrlichen und aufwühlenden Beitrag. Er hat sehr viel Emotionen in mir ausgelöst. Du bist in meinen Augen eine sehr starke junge Frau, die die Krone bald nicht nur in den Händen halten, sondern sie wieder da tragen wird, wo sie hingehört.

  6. Brigitte List
    3. Oktober 2018 / 13:36

    Hallo an alle menschfrauen und mannmenschen!
    Ja, manchmal stürzt er an der koment und die krebsdiagnose trifft dich mitten in dein dasein…
    Ich hatte das glück patricia beider onko-reha persönlich, sozusagen “aug in aug” kennenzulernen!
    Wir saßen nämlich am selben tisch, 17 tage lang zeit einen bis dato fremden menschen…es gibt sowas wie seelenverwandtschaft , denn beim Blick in ihre augen wird es warm um herzen…so wie sie ihren weg nun in worte verpackt hat wird sie ihre zukunft und ihr leben”packen”…Davon bin ich überzeugt.
    Menschen begegnen sich.. gehen eun stück des lebens gemeinsam und trennen sich wieder..was zurück bleibt ist die erinnerung an einen ganz besonderen menschen. VIEL GLÜCK
    *Rehabri*

  7. Sabrina
    3. Oktober 2018 / 15:46

    …da bekommt man Tränen in den Augen…

    Danke für die Offenheit und die ehrlichen Worte, die mich so viel mehr berührt haben als die üblichen “Floskeln”

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