Charlotte und Mathilda

Geburtsbericht: Die natürliche Geburt meiner Zwillinge

Ich weiß nicht genau warum, aber als wir in der  7. Schwangerschaftswoche erfuhren, dass ich nicht nur mit einem Baby schwanger war, hatte sich in Hinblick auf die Geburt der Gedanke ‚Kaiserschnitt‘ in meinem Kopf recht schnell verankert.

Ich hatte in meinem Umfeld kaum von natürlichen Zwillingsgeburten gehört und auch einige Ärzte bei denen ich zu Vorsorgeuntersuchungen vorstellig wurde, tendierten eher in Richtung Kaiserschnitt. Nur mein eigener Frauenarzt hielt sich völlig bedeckt, wenn ich voller Ungeduld schon Mitte der Schwangerschaft das Thema Geburt ansprach und sagte immer zu mir: „Über die Geburt sprechen wir erst ab der 35. SSW.“

Naja und wer mich kennt, weiß dass weder Warten noch Geduld Tugenden sind, die ich mir zuschreiben würde. Und so war ich doch immer schon recht nervös und mein Gefühl, dass die Geburt so oder so ein Kaiserschnitt werden würde, änderte sich erst mit dem ersten Termin mit  meiner Hebamme.

Meine Ausgangslage war, dass der führende Zwillinge bereits recht bald mit dem Köpfchen nach unten lag. Der zweite Zwilling lag in Beckenendlage im Bauch und sollte sich bis zum Schluss auch erstmal nicht mehr drehen. Mit dieser Diagnose stand eigentlich recht bald fest, dass in der Uni-Klinik ein Kaiserschnitt gemacht werden würde. Und vor der vollendeten 36. Schwangerschaftswoche gelten Babies in Österreich als Frühchen, weshalb in einem Krankenhaus mit neonataler Versorgung entbunden werden muss.

Eine Geburt in Beckenendlage bedeutet, dass das Baby nicht mit dem Köpfchen voran zur Welt kommt, sondern mit dem Hinterteil zuerst. In den meisten Krankenhäusern werden keine Beckenendlagen mehr natürlich durchgeführt. Das medizinische Risiko für Komplikationen gilt als höher und es gibt scheinbar auch immer weniger Ärzte und Hebammen, die Beckenendlagen-Geburten betreuen und deshalb verliert sich auch ein wenig das Wissen und die Routinen dazu.

Es hieß also lange Zeit abwarten, ob sich der zweite Zwilling noch in Schädellage drehen würde, ansonsten schien der Kaiserschnitt erstmal festzustehen. Denn nur wenn beide Babies in Schädellage lagen, schien eine natürliche Geburt möglich zu sein.
Ich nahm das so an und versuchte mir wirklich wenig Gedanken dazu zu machen und mich auf beide Szenarien einzustellen. Am Ende sollte das so völlig richtig gewesen sein, denn dann kam alles ganz anders.

Bei meiner vorletzten Vorsorgeuntersuchung in der SSW 35 stand letztendlich fest, dass sich der zweite Zwilling nicht mehr drehen würde und somit war klar, es liegt zumindest beim zweiten Kind eine Beckenendlage vor. Mein Frauenarzt überwies mich mit dieser Diagnose zu einem Kollegen, der Erfahrung in Beckendlagen-Geburten hat und unter Umständen die Geburt mit mir in meinem Wunsch-Krankenhaus durchführen würde.

Nach einem ersten Kennenlernen und einer Untersuchung hatten wir das Go des Arztes. Er stimmte einer natürlichen Geburt zu und ab diesem Zeitpunkt hieß es jetzt wirklich nur mehr, abwarten und Tee trinken, wann die Zwillinge sich auf den Weg machen würden.

Nachdem mir meine Schwangerschafts-App ab der 30. Schwangerschaftswoche empfahl meine Kliniktasche bereit zu halten (was ich natürlich nicht gemacht hatte – bin ja dann doch Typ ‚ Auf-den-letzten-Drücker‘), hatte ich das Gefühl es könnte doch jederzeit irgendwie losgehen. Zwillinge werden meist weit vor dem errechneten Geburtstermin entbunden und ich hätte mir nie gedacht, dass ich es schlussendlich mal in die 38. Woche schaffen würde.

Mit der 37. SSW begannen auch wirklich die Wehwehchen. Ich hatte Wassereinlagerungen in den Beinen und Händen. Konnte Nachts kaum noch schlafen, weil der Bauch so groß war, dass ich keine angenehme Position mehr finden konnte und die Zwillinge schienen vor allem Nachts Party im Bauch zu feiern. So schön und komplikationslos meine Schwangerschaft verlaufen war, ich war nun doch bereit meinen Körper wieder für mich zu haben und freute mich einfach so die beiden endlich kennen zu lernen.

Der gesamte Montag verlief im Grunde noch ganz normal. Abgesehen von meiner wachsenden Ungeduld war es ein Tag wie jeder andere. Ich fühlte mich den Umständen entsprechend gut und arbeitete tagsüber noch von der Couch aus.
Als ich am frühen Abend zur Toilette ging, waren da plötzlich ein paar Tropfen einer undefinierbarer Flüssigkeit. War das etwa Fruchtwasser? Sollte die Blase leicht gesprungen sein? Adrenalin stieg in mir auf.
Mein Bauchgefühl sagte mir, dass ich das auf jeden Fall abklären lassen sollte. Ansonsten hätte ich Nachts wohl kein Auge zugemacht. Dass ich so oder so in der kommenden Nacht nicht schlafen würde, wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Wir riefen also meinen Arzt an und berichteten ihm von meiner Entdeckung. Nach einem kurzen Gespräch bat er mich meine Sachen zu packen und doch zügig ins Sanatorium zu fahren. Nach aussen hin, verhielten Steff und ich uns voreinander betont ruhig und unaufgeregt. Innerlich waren wir beide so nervös. Meine Kliniktasche war natürlich nicht fertig gepackt und so versuchte ich mich einigermaßen darauf zu konzentrieren, was ich noch brauchte. Und nach gut 30 Minuten saßen wir dann auch schon im Auto.

Im Krankenhaus angekommen, empfing uns gleich mein Arzt und eine Hebamme und nach der Untersuchung stand fest, dass beide Fruchtblasen intakt waren. Ein Fehlalarm also. Wir sollten nach Hause fahren und verblieben so, dass wir einfach weiter in telefonischem Kontakt bleiben würden.

Als wir wieder zuhause ankamen, überkam mich einerseits ein Gefühl der Erleichterung, dass ich noch ein wenig Zeit hatte und gleichzeitig machte sich aber irgendwie doch auch Enttäuschung breit. Steff bereitete mir noch ein Abendessen zu und gerade als wir ins Bett gehen wollten, bekam ich die erste richtig starke Wehe.

Irgendwie hatte ich im Gefühl, dass es jetzt doch langsam los gehen könnte. Ich legte mich ins Bett und versuchte noch irgendwie eine bequeme Position zu finden und ein wenig zu schlafen. In der ersten Hälfte der Nacht kamen die Wehen noch im Stundentakt – gegen frühen Morgen dann schon alle 20 bis 30 Minuten. An Schlaf war eigentlich nicht mehr zu denken. Einerseits waren die Wehen zwischendrin schon so schmerzhaft, dass ich sie im Vierfüsslerstand veratmete und irgendwie war ich dann innerlich doch schon so aufgekratzt. Es würde so langsam losgehen. Dessen war ich mir mittlerweile ganz sicher.

In dieser ersten Phase der Geburt, in der sich der Muttermund öffnen muss, sollte man eigentlich so lange wie möglich zuhause in seiner gewohnten Umgebung bleiben. Im Geburtsvorbereitungskurs hatten wir die Empfehlung bekommen, bei Erstgebärenden erst bei einem Abstand der Wehen von 5 Minuten ins Krankenhaus zu fahren. Nun denn die Situation bei Zwillingen war ja doch ein wenig komplexer, immerhin musste es beiden Babies gut gehen.

Aus diesem Grund hatten wir mit meinem Arzt vereinbart in regelmäßigem Austausch zu bleiben und sollten die Wehen in einer Regelmäßigkeit von 10 Minuten auftreten, sollten wir wieder losfahren.

Am Dienstag Vormittag kamen die Wehen dann schon in Abständen von 13 Minuten und ich war felsenfest davon überzeugt, dass wir um die Mittagszeit losfahren würden. Pustekuchen.
Gegen Mittag hin nahmen die Abstände der Wehen wieder zu und am frühen Nachmittag schlief die Wehentätigkeit so ziemlich ein. Auf einmal kamen die Wehen wieder nur mehr alle 40 Minuten und der Wehentracker, den Steff bediente, wurde zu meinem besten Freund und Feind zugleich. Erst gegen frühen Abend nahmen die Wehen wieder Fahrt auf.

Nachdem wir in regelmäßigen Austausch mit meinem Arzt waren, meinte er abends, dass wir dann doch wieder ins Krankenhaus kommen sollten. Eine weitere schlaflose Nacht mit Wehen würde ich kräftemäßig wahrscheinlich nicht durchstehen können und man wollte dann doch feststellen, ob es beiden Babies auch wirklich gut ginge. Knappe 24 Stunden später packten wir wieder unsere Sachen und fuhren los.

Gegen 22 Uhr kamen wir dann im Sanatorium an. Ich wurde von einer Hebamme und meinem Arzt begrüßt und es ging sofort in den Kreißsaal. Nach einer ersten Untersuchung war der Muttermund bereits 3 Zentimeter geöffnet. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie glücklich mich diese Nachricht machte. Die Wehen der letzten Stunden waren schon effektiv gewesen und trotz meiner Müdigkeit war ich so motiviert. Ich freute mich, dass es jetzt wirklich soweit war. Nur noch wenige Stunden und ich würde die Zwillinge endlich im Arm halten.

Eine natürliche Geburt von Zwillingen ist nicht gerade alltäglich und obwohl wir davon wenig merkten, stand im Hintergrund ein ganzes, medizinisches Team auf Abruf. Ich bekam einen Wehentropf und wurde direkt ans CTG angeschlossen.

Die Wehen wurden immer regelmäßiger und zunehmends stärker. Wie auch schon die Stunden zuvor konnte ich die Wehen am Besten im Vierfüsslerstand veratmen und auch aushalten. Problem dabei war allerdings, dass das CTG Signal bei einem der Babies immer wieder verloren ging. Die Hebamme musste aber die Herztöne der Babies gut im Auge behalten, weshalb ich mich irgendwann auf den Rücken legen musste.

In dieser Position kostete mich jede einzelne Wehe so enorm viel Kraft. Bei jeder Wehe klammerte ich mich mit den Armen an das Tuch, das von der Decke hing. Nur mit der Spannung in den Armen war der Schmerz einigermaßen auszuhalten.

Gegen 4 Uhr morgens kam mein Arzt wieder in den Kreißsaal, um den Fortschritt der Geburt zu überprüfen. In den letzten 5 Stunden hatte sich der Muttermund nur mehr um 2 Zentimeter geöffnet und war nun erst bei 5 Zentimeter.

Mein Arzt und die Hebamme erklärten uns, dass der Geburtsfortschritt für den Zeitrahmen eigentlich zu wenig war. Da die Herztöne der beiden Babies zu jedem Zeitpunkt aber völlig in Ordnung waren, gab es noch keinen Grund einschreiten zu müssen. Allerdings müsse man doch schon über die Option eines Kaiserschnitts nachdenken, wenn es in diesem Tempo weitergehen würde.

Für mich war diese Nachricht völlig niederschmetternd. Die Vorstellung, dass der Muttermund erst zur Hälfte aufgegangen war, die Babies sich dann in den Geburtskanal bewegen mussten und ich dann beide Babies herauszupressen sollte, noch dazu eines in Beckenendlage war für mich zu dem Zeitpunkt schier unvorstellbar. Ich war am Ende meiner Kräfte. Konnte nicht mehr. Wollte nicht mehr.

Nachdem die Zeit noch nicht drängte, schlug die Hebamme vor, ich könnte erstmal noch eine Schmerzspritze, eine Art Opiat versuchen. Bei manchen Frauen würde die Spritze gut wirken, sie ruhiger werden lassen. Hingegen andere würden eher unruhig werden. Der Arzt meinte auch, dass wir danach immer noch die Möglichkeit einer Spinalänasthesie mit Kaiserschnitt hätten.

Doch ich wollte wirklich nicht mehr. Ich brach in Tränen aus und wurde richtig wütend auf Steff, der versuchte mich zu motivieren weiter zu machen. Wie sollte ich das bloß schaffen? Ich war so müde. Ich war so ausgelaugt und wollte einfach nur noch schlafen. Schlafen ohne Schmerzen.

Die Hebamme konnte mich dann letztlich davon überzeugen die Spritze zu probieren. Nach einem kleinen Piekser in den Oberschenkel wurde ich noch müder als ich ohnehin schon war. Endlich konnte ich wegdösen.

An diese Phase der Geburt habe ich kaum mehr Erinnerungen. Ich hatte alle 3 bis 4 Minuten heftige Wehen, das weiß ich noch. Allerdings kamen mir die Abstände zwischen den Wehen vor, als lägen Stunden dazwischen. Die Wehen waren zu diesem Zeitpunkt so stark, dass ich nicht mehr klar denken konnte. Ich wollte mich auf die Atmung konzentrieren, aber der Schmerz kam in so großen Wellen und ich hatte das Gefühl überrollt zu werden. Nicht mehr atmen zu können.

Und dann war Steff zur Stelle. Ich hätte nie gedacht, dass wir dann wirklich mal, wie im Geburtsvorbereitungskurs gemeinsam durch die Wehen atmen würden. Aber plötzlich war da mein Anker. Steff gab mir den Atemrythmus vor. Seine Wange an meiner, atmeten wir uns durch jede einzelne Wehe. Bei jeder Wehe sagte ich mir innerlich vor: ‚Ich atme Weite in mein Becken.‘ Das war mein Mantra und nur durch Steff schaffte ich es, mich nicht von diesem ungeheuerlichen Schmerz übermannen zu lassen. Nach jeder Wehe gab er mir einen Schluck Wasser zu trinken. Dann schlief ich wieder weg. Das war unser Ritual. Ganze eineinhalb Stunden lang.

Um halb 6 Uhr morgens wurde ich erneut untersucht. Arzt und Hebamme waren beide wieder bei uns im Kreißsaal und ich war immer noch sehr schläfrig.  Aber in den letzten eineinhalb Stunden hatte ich richtig Kraft tanken können.

Die Untersuchung ergab, dass der Muttermund sich auf 10 Zentimeter geöffnet hatte! Was für eine Nachricht! Jetzt war irgendwie der Point of no Return erreicht! Die Zwillinge sind unterwegs!

Ab diesem Zeitpunkt weiß ich nur noch Bruchteile. Ich war wie in einem Tunnel. In meiner eigenen Welt. Ich nahm fast nichts mehr um mich herum wahr. Nur die Wehen. Die Schmerzen. Aber auch der Gedanke, dass jede neue Wehe mich einen Schritt weiter zu meinen Babies bringen würde.

Gegen 7 Uhr kam dann eine zweite Hebamme zu uns in den Kreissaal. So richtig mitbekommen, hab ich das aber erst später. Zwischendurch wurde mit dem Ultraschallgerät auch immer wieder die Lage der beiden Babies kontrolliert. Für mich war die Zeit irgendwie stehen geblieben bzw. spielte einfach keine Rolle mehr. Ich dachte nur noch von Wehe zu Wehe.

Als ich irgendwann mal zum Fenster blickte, bemerkte ich, dass es mittlerweile hell geworden war. Und das Schönste? Es schneite dicke Flocken. Die Stadt war in Weiß gehüllt. Was für ein Empfang für unsere Babies!

Das nächste an das ich mich erinnern kann, war dieser ungeheure Druck nach unten. Dieses Gefühl mein Innerstes würde nach Außen gestülpt. Wiederum dieses Gefühl einer Welle, die mich zu überrollen drohte. Die zweite Hebamme brachte frische Energie mit in den Kreißsaal und peitschte mich so richtig durch die Presswehen. Wies mich an zu atmen. Gab mir das Signal, wenn es Zeit war mit dem Pressen aufzuhören.

Ich konnte das erste Köpfchen fühlen. Ich konnte spüren, dass ein Baby gleich da sein würde. Ich wartete immer wieder auf die nächste Wehe. Auf das nächste Gefühl endlich wieder pressen zu können. Ich hab geschrien wie noch nie zuvor in meinem Leben. Mir war alles egal. Ich gab die Kontrolle völlig ab und gab mich der Geburt ganz und gar hin.

Ich weiß noch, dass das Köpfchen immer wieder fast draußen war und wieder zurück flutschte. Das ganze muss ein paar Mal so passiert sein und ich dachte, ich würde es nie schaffen. Ich weiß auch noch, dass Steff immer wieder von meinem Kopf nach vorne und wieder zurück wuselte. Und während einer Presswehe, sagte er etwas zu mir. Ich kann mich zwar nicht mehr erinnern, was es genau war, aber es setze ungeheure Kräfte in mir frei und ehe ich mich versah, hörte ich aufgeregtes Geschrei. Babyschreie. Und schon lag dieses kleine, perfekte Menschlein auf meiner Brust. Herzlich Willkommen Charlotte.

Ich war außer mir. Ich bekam die Hektik, die jetzt herrschte kaum mit. Mit dem Ultraschallgerät wurde auf meinem Bauch herum gefahren. Stimmen im Off. Ich hatte nur Augen für dieses kleine Wesen auf meiner Brust. Das leise atmete und mich mit großen Augen anstarrte.

Was ich kaum mitbekam: Über das Ultraschallgerät beobachteten mein Arzt und die Hebammen das zweite Baby. Durch den gewonnen Platz drehte sich das Baby auf einmal in der Gebärmutter und lag plötzlich in Schädellage. Im nächsten Augenblick spürte ich die nächste Welle kommen. Ich musste pressen.

Nur 7 Minuten nach Charlotte kam das zweite Baby mit einem lauten Plätschern und intakter Fruchtblase auf diese Welt. Mathilda, unser Glückshaubenkind. Wieder Babyschreie. Und schon lag auch diese kleine perfekte Wesen auf meiner Brust.

Diesen Moment werde ich nie vergessen. Tränen liefen über meine Wangen. Steff, der uns voller Liebe ansah. Und diese 4 Augen, die mich voller Neugierde musterten. Dieses Gefühl. Diese Erleichterung. Dieser Stolz. Diese Liebe. Hallo meine Babies – ich bin eure Mama.

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